Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Kurzgeschichte’

 

Die heutige Aufgabe lautete: Schreibe 5 Minuten lang einen Text, der
folgende Wörter enthält: Kater, Asphalt, Motivation

Es ging nur um Schnelligkeit, d. h. die Wörterzahl pro 5 Minuten zu erhöhen. Hat bei mir nicht geklappt, es wurde ein Wort weniger als gestern. 😉

Mein Ergebnis >>

Ich liege auf dem nassen Asphalt, was für eine Sauerei. Mein Schädel brummt, ein ausgewachsener Kater wird die Folge meiner gestrigen Sauferei sein. Ich hasse mich, wenn ich mich so gehen lasse. Ich kann aber nichts dagegen tun. Immer wieder ruft mich der Alkohol aufs Neue. Kaum, dass ich die Firma verlasse, egal, ob Früh-, Spät- oder Nachtschicht, danach gehe ich direkt in die Kneipe und besaufe mich. Der Wirt kennt mich natürlich schon, hat versucht mir ein Gespräch über die Motivation aufzudrücken. Zum Schluss haben wir uns kaputt gelacht und zusammen ein Bier auf ex gekippt. Mann, was für ein Schelm. Wollte wohl seine Kasse aufpolieren. Zumindest bei mir hat es geklappt.

Ich versuche mich aufzurichten, aber ich bin unfähig, etwas zu unternehmen. Mein Magen grummelt und es fühlt sich an, als ob der kostbare Suff gleich den Rückwärtsgang antreten will. Ich muss das verhindern. Hat ein Heidengeld gekostet. Ich kann so voll sein wie ich will, ans Geld denke ich immer. Wenn ich das alles gespart hätte, was ich in Alkohol umgesetzt habe, wäre ich jetzt ein reicher Mann.

Selbst meine Besuche bei AA konnten dem nichts entgegen setzen. Ich bin jedes Mal voll wie ein Rohr da rein spaziert und durfte bleiben. Ich musste nur sagen, in meinem Fall lallen, dass ich mit dem Saufen aufhören will und schon war ich ein willkommener Gast. Was habe ich da für Geschichten gehört. Trocken seit 26 Jahren und jede Woche rannte der Typ zu AA. Kann ich nicht jeden Tag in die Kneipe rennen und trotzdem trocken sein. Hach, bin ich blau, ich muss jetzt von der Straße wegkommen, sonst kehren mich die Berliner Verkehrsbetriebe weg, wenn sie ihre allmorgendlichen Runden drehen. Das will ich vermeiden, obwohl ich den Kalle ganz gut kenne. Der kommt auch oft in die Kneipe, aber er trinkt kontrolliert, sagt er. 307 Wörter.

Anmerkung: AA = Anonyme Alkoholiker

Hanna Mandrello ließ sich erneut einladen, an der Schreibübung teilzunehmen, aber nicht wegen der Schnelligkeit >>

Der Asphalt flimmerte in der Hitze. Kater Nick saß im Gebüsch neben der Autobahn und beobachtete seinen Vater Dakota, der an der Straße saß und scheinbar gedankenlos die Autos anstarrte, die an ihm vorbeirasten. Mit jedem Auto blies ihm eine Windboe durch das rote Fell und die kupferroten Spitzen glänzten in der Sonne. Es sah für einen Moment aus, als ob er in Flammen stand. Nick hatte seinen Vater zufällig gesehen und verfolgt. Als er den Weg zur Autobahn einschlug, fiel ihm ein, dass heute der Tag war, an dem seine Mutter genau hier überfahren worden war. Dakota senkte den Kopf, so dass er beinahe auf die erste Fahrspur hing. In diesem Moment sah Nick, wie alt sein Vater wirklich war. Der sonst so starke große Kater, der die Siedlungskatzen anführte, wirkte greisenhaft und zerbrechlich in seiner Trauer. Nick hatte ihn oft gefragt, warum er sich das antat: die vielen Kämpfe mit den anderen Gangs, immer wieder Streit schlichten und ständig Entscheidungen für alle treffen. Was war nur seine Motivation? Er könnte schon lange im Garten in der Sonne liegen, sein Fell putzen und sich von Herrchen verwöhnen lassen. Aber Dakota sagte, dass er Verantwortung dafür trug, dass Katzen und Menschen in seiner Stadt friedlich zusammenlebten. «Denn die Menschen lieben uns», sagte er immer wieder zu Nick. Als sich Dakota nun müde erhob, sich umdrehte und langsam auf Nicks Versteck zu kam, wusste Nick schlagartig, dass sein Vater log. Seine sonst so gütigen Augen waren voller Hass. 247 Wörter.

Read Full Post »

Diesmal sollte ein 5 Minutentext geschrieben werden, mit den unten stehenden 3 Wörtern. Es geht nur um Schnelligkeit, die Wörterzahl innerhalb der 5 Minuten zu erhöhen. Schreiben, schreiben, was in den Sinn kommt.

Die 3 Wörter: Ziegelstein, Feder, Seil

In meinen Text hat es das Wort Feder nicht geschafft. Dafür war die Zeit zu knapp und meine Gedanken waren auf einer anderen Spur >>

Ich stehe in der Dachkammer unseres Hauses, das drei Stockwerke hat, und gucke aus dem Fenster, meine Kippe habe ich schnell im Ascher ausgemacht, damit man mich hier oben nicht sieht, Unten, genau unter mir, steht mein Vater, der alte Drecksack. Ich hasse diesen Menschen so sehr, wie man einen Menschen nur hassen kann. Abgrundtief! Die blauen Flecken an meinem Körper von seinen Schlägen mit dem Gürtel sind noch das geringste Übel. Viel mehr nervt es mich, wie er Mutter immer drangsaliert. Ich weiß, dass er, wenn er richtig besoffen ist, sich auf sie stürzt und vergewaltigt. Bislang habe ich mich nicht getraut, etwas dagegen zu tun, um ihr zu helfen. Sie sagt aber auch nichts, lässt sich alles gefallen. Wenn ich sie anspreche, sagt sie zu mir: ist schon gut, Junge. Ich bin 15, kann in der Schule immer alles erklären, wenn mich mal einer fragt. Es fragt aber keiner mehr. Ich bin der Außenseiter. Mit mir will keiner etwas zu tun haben. Ähnlich wie bei meinem Vater.

Ich nehme den Ziegelstein und lasse ihn geradewegs nach unten fallen. Der trifft exakt seinen Kopf. Davon geht er in die Knie, wenn nicht sogar gleich hinüber. Wenn Mutter mir hilft, schaffen wir den Alten auf den Dachboden und binden ihm das Seil um den Hals. Jeder wird glauben, dass es Selbstmord ist. Keiner der Leute im Ort wird etwas anderes behaupten. Die Polizei wird sich bestimmt nicht die Mühe machen, einen Fall daraus zu konstruieren. Alle hassen den Alten, keiner wagt es aber, etwas zu tun. Familiäre Sachen und so. Es gibt nur zwei Polizisten und der eine findet meine Mutter anziehend, wie er selbst mal geflüstert hat, als Vater schon so besoffen war, dass er nichts gemerkt hat. Wenn er es gemerkt hätte, würde es den Polizisten so nicht mehr geben. Das weiß ich zu Hundert Prozent. 308 Wörter

Erneut ist Hanna Mandrello meiner Einladung gefolgt und hat geschrieben. Achtung: Nicht jugendfrei! 🙂 >>

Der nackte Arsch, in dem ein Büschel Federn steckte, wimmerte. «Du dummes gackerndes Huhn», schrie sie. Die Peitsche klatschte auf seinen wabbelnden Arsch. Er schluchzte erstickt. Sein Hoden war mit einem stählernen Seil straff an einen Ziegelstein gebunden, der zwischen seinen Knien auf dem Boden lag. Jede Bewegung bereitete ihm Schmerzen, was ihr ein zufriedenes Lächeln auf das höhnische Gesicht zauberte. «Was bist du?» schrie sie. «Ein dummes Huhn» wimmerte er mit Tränen auf dem fetten Backen.

«Lauter!», schrie sie ihn an. «Was bist du?»

«Dummes Huhn!» Er schrie hinauf zu ihr und stöhnte.

«Und was machen Hühner? Was kannst du am besten, du dummes Huhn?»

«Gackern», kam es kleinlaut.

«Dann gacker mal!», befahl sie.

«Gack, gack,» kam es zögernd. Sie zog die Peitsche mit den Nägeln über seinen Arsch. Als er heftig schrie und zappelte, dass das Seil an seinen Hoden riss und es aussah, als ob sie gleich abreißen würden, holte sie noch einmal aus.

«Was machen gackernde Hühner?» Er wimmerte und sagte nichts. «Was?», schrie sie ihn an. Die Peitsche klatschte laut auf den Rücken und hinterließ einen blutigen Striemen.

«Ich weiß nicht», heulte er.

«Du sollst gackern, du verdammtes dummes Huhn!» Sie bohrte ihren spitzen Absatz in seinen Arsch. Seine Hoden schienen immer länger zu werden. Schweiß und Tränen glänzten auf Glatze und dem verquollenen Gesicht.

«Gack!» schrie er, «Gack!»

«Gut, dummes Huhn,» sagte sie mit weicher Latexstimme. «Und nun mach das, was Hühner machen. Leg ein Ei! Das willst du doch oder?»

«Gack!» Schweiß rann in Bächen über sein Gesicht und er blies mit Angst in den Augen die roten Backen auf und drückte. Sie betrachtete die Federn in seinem Arsch, die sich bewegten. Ein Furz knatterte durch das Gefieder, aber sonst passierte nichts.

«Du bist sogar zu blöd zum Scheißen, du dummes Huhn!» zischte sie in sein Ohr. «Gack», sagte er leise. Er konnte sie nicht sehen, nur hören. Ein metallisches Klicken hallte im Raum. 321 Wörter

Read Full Post »

 

Nach 8 Wochen Klinikaufenthalt bin ich seit letzten Freitag wieder zu Hause. Während der vergangenen Wochen habe ich an mir und meiner Gesundheit gearbeitet und eine Menge über mich gelernt. Schreiben steht nach wie vor hoch im Kurs! Außerdem habe ich oft im Café gesessen und geschrieben. Dort war es gemütlich, nie überfüllt oder laut und es gab sehr guten Latte Macchiato. Geschrieben habe ich kleine Mehrzeiler, Tagebuch und Kürzestgeschichten.

 

 

Bei einem stationären Klinikaufenthalt gibt es kaum Gelegenheit, mal alleine zu sein. Das fängt schon beim 2-Bettzimmer an. Ich hatte es in dieser Hinsicht fast gut, manche Nächte verbrachte ich alleine, es gab aber auch 3-Bettzimmer. Vom Aufenthaltsraum für 30 Patienten mit TV und der sich daraus ergebenden Geräuchkulisse brauche ich gar nicht zu reden. 🙂

Damit ich im Alltag wieder eine Routine bekomme, habe ich mir ein kleines kostenfreies Schreibtraining für 30 Tage im Netz ausgesucht.

Tag 1 der Schreibübung beschäftigte sich mit der Frage, warum und was ich schreiben will. Am Tag 2 sollten konkrete Ziele formuliert werden. Ich habe meine für das restliche Jahr 2017 aufgeschrieben.

Am Tag 3 gab es drei Anfangssätze, die in einer 5 Minutenübung weiter geführt werden sollten. Vorher Kurzzeitwecker stellen, hinterher Wörter zählen.

 

 

Die ersten Sätze: Es war ein ganz normaler Morgen. Ich hatte gut geschlafen. Doch irgendetwas war anders als sonst.

Mein Ergebnis (272 Wörter, plus 1, das ich nachträglich eingefügt habe):

So ganz normal war der Morgen wohl nicht, denn mein Wecker klingelte zwar, aber in meinem Zimmer war es stockfinster. Dabei besaß ich keine Rollläden und auch keine Gardinen, die ich gestern Abend, als ich ins Bett gegangen bin, hätte schließen bzw. zuziehen können. Mein Wecker war so eingestellt, dass er jeden Morgen pünktlich um 7 Uhr klingelte. Es war Sommer, somit sollte ich erwarten können, dass es in meinem Zimmer, das immerhin im 12. Stock liegt, hell sein dürfte. Ich hatte aber die Bettdecke bis zum Kinn nach oben gezogen, was nicht dafür sprach, dass es sommerlich warm war. Im Sommer schlief ich ohne Nachthemd und die Bettdecke lag morgens meist neben dem Bett. Auf dem Boden machte es sich die Katze darin bequem. Im Sommer verzieh ich ihr das. Im Winter fochten wir regelmäßige Kämpfe aus, wer zuerst unter die Decke schlüpfen durfte. Ich verlor oft, hatte Kratzer an allen möglichen Körperstellen und die Katze verkroch sich schnurrend, als ob nichts geschehen wäre, unter der Decke. Mich ließ sie erst dazu kommen, wenn ich sie ausgiebig gekrault hatte. Je länger ich unter der Decke lag, desto näher kuschelte sie sich dann an meinen mittlerweile warm gewordenen Körper. Warum war es nicht hell an diesem Morgen? Zuerst steckte ich einen Fuß unter der Bettdecke hervor, um die Temperatur zu prüfen. Warm oder kalt? Ich merkte nichts. Wenn man im Dunkeln nichts sah, merkte man wohl auch nichts, so meine Überlegungen. Ein Kaffee musste her, um meine Gedanken auf Touren zu bringen. Welcher Wochentag war heute? Ich überlegte weiter, ob ich ins Büro musste. Meine Kollegen wären nicht begeistert, wenn ich blau machte.

Der Einladung zum Schreiben ist auch Hanna Mandrello gefolgt. Ihr Ergebnis (210 Wörter):

Ich blickte mich blinzelnd im Zimmer um. Es sah aus wie immer. Durch den Vorhang am Fenster schien durch einen schmalen Spalt die Morgensonne und zeigte mir, dass ich mal wieder Staub wischen musste. Doch dann fiel es mir auf. Es war ruhig, gespenstig ruhig. Ich wohnte an einer Hauptverkehrsstraße und morgens weckte mich normalerweise der Verkehr. Doch heute hörte ich nichts außer Vogelzwitschern. Kein Auto, keine Stimmen, kein Hupen. Seltsam, dachte ich. Vielleicht hatte man die Straße gesperrt. Ich stand auf und warf mir einen Morgenmantel über. Barfuß ging ich zum Fenster und öffnete mit einem Ruck den Vorhang. Die Straße lag mit ihren 4 Spuren direkt vor mir, aber sie war leer. Ich betrachtete die Häuserfassaden gegenüber. Die Geschäfte waren geschlossen und es rührte sich nichts, keine Gardine bewegte sich, kein Mensch ging auf dem sonst so belebten Gehsteig. War war da los?
Ich schlüpfte in die Pantoffeln. Die Zeitung steckte sowieso im Briefkasten, ich musste sie holen. Ich öffnete die Haustür, ging die drei Stufen in den Garten hinab und zum Briefkasten, der am Zaun angebracht war. Dabei sah ich mich um. Es war geradeso, als hätten alle die Straße verlassen.
Plötzlich sah ich etwas auf der Straße. Es war eine grüne Pfütze auf dem zweiten Autostreifen.

Read Full Post »

Young happy woman wearing yellow dress walking at the coastline

Foto: 123RF

Der Handfeger glitt sanft über die Steine. Er sollte das nicht selbst tun. Dafür gab es Firmen, die sich darum kümmerten. Je häufiger und länger er sich am Grab aufhielt, desto deprimierter wurde er. Nichts konnte ihm seine Maria wieder zurück bringen, egal, wie oft er fegte, die Blumen austauschte und ihr Foto auf dem schön geschwungenen Stein anstarrte. Resigniert ließ er den Arm sinken, legte den Handfeger hinter den Stein und ging langsam zum Ausgang. Ein Spaziergang würde ihm gut tun. Der Park war nicht weit, die Sonne strahlte vom Himmel, wie gemacht für etwas Erholung an der frischen Luft.

Er wanderte um den kleinen See, der sich mittig im Park befand. Für die Enten hatte er heute nichts dabei. Unruhig nahm er auf der Bank Platz. Er wusste nicht, was ihm Unbehagen bereitete, es war nur so ein Gefühl, nicht greifbar, aber da. Sein Blick wanderte zum Himmel, seine Gedanken waren bei Maria.

Mehr als drei Jahre war sie tot, er kam einfach nicht von ihr los. Er wusste nicht, ob er das überhaupt wollte, sie war seine einzige große Liebe gewesen, aber er fühlte sich einsam. Es war nicht gut, jeden Tag alleine aufzuwachen und am Abend alleine ins Bett zu gehen und dazwischen niemanden zu haben, mit dem man reden konnte. Ihm war, als sei er nur ein halber Mensch, das Leben hatte keine Perspektive mehr für ihn.

Eine lachende Maria zog an seinem inneren Auge vorbei, im gelben Sommerkleid, von dem sie geglaubt hatte, dass es viel zu jugendlich für sie sei. Er überredete sie, es dennoch zu kaufen und auch zu tragen. Sie sah so wunderschön darin aus. Ihre dunklen, langen Haare wippten federnd um ihre Schultern, im Kontrast zur Farbe des Kleides, während sie um ihn herum tänzelte, um ihm dieses Kleid vorzuführen. In seinem Kopf war die Musik, die sie damals hörten, die sie so liebten, diese wunderbaren Rhythmen, bei denen man einfach nicht still sitzen bleiben konnte. Sie tanzten durch das Haus, in jedes Zimmer, auf der Terrasse, im Garten, bis sich der Nachbar beschwerte, dass er das Gedudel nicht mehr lange ertragen könne. Lachend luden sie ihn auf ein Glas Wein ein, seine Frau brachte er gleich mit. Sie warfen den Grill an, suchten in ihren Kühlschränken nach geeignetem Fleisch, nach Salat und in den Körben nach Brot. Welch ein ausgelassener Abend.

Er griff in die Innentasche seiner Jacke und holte eine Zigarette heraus. Er zog den Rauch in seine Lunge ein, schaute auf den Weg, der um den See herum ging, sich verzweigte, damit man zu den Ein- oder Ausgängen kam. Es war Mittag, mitten in der Woche, deswegen hielten sich fast keine Besucher im Park auf. Er liebte diese Ruhe, manchmal unterbrochen vom Geschnatter der Enten auf dem See, und den Duft der Bäume, die zu jeder Jahreszeit anders rochen. Ein Ausgang mündete in den Tunnel zum Bahnhof. Häufig nahmen Pendler die Abkürzung durch den Park, um ihren Zug zu erreichen. Er rauchte seine Zigarette zu Ende, hatte seinen kleinen Aschenbecher für unterwegs dabei. Mehr als zwei Stummel passten nicht hinein, aber er wollte keinen Unrat hinterlassen. Gerade als er aufstand, um nach Hause zu gehen, betrat sie den Weg. Dunkle, lange Haare, gelbes Kleid, wobei er nur den Rock sehen konnte, weil sie eine graue Strickjacke darüber trug. Es war wie ein Déjà-vu für ihn. Seine Maria spazierte durch den Park. Nein, sie eilte durch den Park, musste zum Zug oder sonst wo hin. Wie vom Donner gerührt sank er auf die Bank zurück und starrte ihr hinterher. Obwohl sie schon lange aus seinem Blickfeld verschwunden war, schaute er immer noch auf die Stelle, an der sie den Park verlassen hatte.

Read Full Post »

Gleich beginnt ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag im Call Center einer seriösen Firma, die eine kostenfreie Verkaufs-Hotline eingerichtet hat, an die sich die Kundschaft auch mit allen Problemen rund um die Produkte wenden kann. Eines der Telefone bediene ich als Call Center-Agentin:

 

Herzlich willkommen bei der Firma xxx, mein Name ist Rosi Randale, was kann ich für Sie tun?“

Ha ha, Rosi Randale, wollen Sie mich veräppeln?“

Kann man jemandem am Telefon an die Gurgel gehen? Ich kann. Gleich.

Herzlich willkommen bei der Firma xxx, mein Name ist Rosi Randale, was kann ich für Sie tun?“

Hallo Rosi, ich kenne nur die Rosi aus dem Sperrbezirk, ihre Nummer ist 32168. Habe schon hundertmal da angerufen, aber die hebt nie ab.“

Wie viele Jahre muss ich mir das noch anhören? Nach der innerlichen Kündigung sollte ich bald Taten folgen lassen. Am besten gleich.

Herzlich willkommen bei der Firma xxx, mein Name ist Rosi Randale, was kann ich für Sie tun?“

Bei euch kann man ja umsonst anrufen. Kannst Du mal die oberen Knöpfe Deiner Bluse öffnen?“

Ich lege gleich auf.

Herzlich willkommen bei der Firma xxx, mein Name ist Rosi Randale, was kann ich für Sie tun?“

Ich bin im Auto unterwegs. Vor mir zuckelt ein Bus her. Quer über dem Fenster und darunter steht ganz groß Werbung. 0800xx0x000. Ruf‘ mich an. Das mache ich jetzt. Ist sowieso total langweilig hinter einem Bus herzufahren. Stinken tut es auch. Ich hab‘ ein Caprio, musst Du wissen. Kannst Du meine Musik hören? Hab‘ extra ein bisschen mehr aufgedreht.“

Seit wann duzen wir uns? Was interessiert mich dem seine Mucke. Ich will hier raus. Am besten gleich.

Herzlich willkommen bei der Firma xxx, mein Name ist Rosi Randale, was kann ich für Sie tun?“

Hallo? Ist da jemand dran? Ich habe meinen Einkaufszettel verlegt und wühle mich gerade durch die Zettel, die da im Flur auf dem Schränkchen neben dem Telefon liegen. Sie wissen schon, in dem Korb, in den man alles hinein schmeißt, das man bestimmt noch mal gebrauchen kann oder das man eben nicht wegwerfen will, weil man es bestimmt noch einmal gebrauchen kann. Habe einen Zettel mit Werbung und Ihrer Nummer gefunden. Dachte, da rufe ich mal an. Haben Sie auch so ein Körbchen neben dem Telefon auf dem Schränkchen im Flur stehen? Bei mir ist der Flur ganz mickrig, gerade mal Platz für eben dieses Schränkchen und eine Hängegarderobe. Die hat mein Fritz viel zu weit oben angebracht, dass ich kaum einen Kleiderbügel abnehmen kann, um meinen Mantel aufzuhängen. Es ist schon empfindlich kalt, wenn ich morgens mit dem Waldi raus muss. Sie wissen schon, Waldi ist mein Dackel. Der ist ein Lieber, aber raus muss er eben, auch wenn es empfindlich kalt ist. Kann den ja nicht in die Wohnung machen lassen…“

Ein Königreich für eine Zigarette. Ich lasse die Oma, übrigens Ilse Herold, die mindestens zweimal die Woche anruft, einfach in der Leitung und gehe in den Raucherraum. Ist direkt gegenüber. Bin gleich wieder da, Oma Ilse.

Herzlich willkommen bei der Firma xxx, mein Name ist Rosi Randale, was kann ich für Sie tun?“

Hallo Rosi, welchen Schlüpfer trägst Du heute? Kannst Du den an der richtigen Stelle mal ein bisschen für mich zur Seite schieben? Mir ist schon ganz heiß…“

Gleich wird Dir noch heißer und hoffentlich explodierst Du, Du Depp, wenn ich meine Hasskanonade mit Schimpfwörtern über Dir abfeuere. ‚Sie Depp‘ sagt man ja wohl eher nicht.

Herzlich willkommen bei der Firma xxx, mein Name ist Rosi Randale, was kann ich für Sie tun?“

Rosi, wann hast Du eigentlich Feierabend? Ich warte unten auf dem Parkplatz auf Dich, es ist gleich 18:00 Uhr…“

Oh Gott, noch so ein Irrer. Der Pförtner muss mich zum Auto bringen, sonst mache ich mir gleich ins Hemd. Meine Nerven liegen blank. Heute ist es wieder extrem zum Fürchten. Habe noch nichts verkauft, dann steigt mir der Chef aufs Dach, außerdem gibt es keine Provision am Monatsende. Trotzdem gönne ich mir jetzt gleich ein Späßchen. Habe ich mir verdient.

Herzlich willkommen bei der Firma xxx, ich bin der Kaiser von China, was kann ich für Sie tun?“

Äh, wie bitte? Das ist ein Testanruf, hier spricht Ihr Abteilungsleiter Gustav Semmel. Kommen Sie bitte gleich in mein Büro!“

 

Gleich ist das fünfte Wort in seinem *.txt-Projekt von HIER. Die Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder nicht mehr lebenden Personen und etwaigen Begebenheiten sind rein zufällig und nicht gewollt.

Read Full Post »

Wir spielen verstecken. Ich bin schlau, steige in den alten Brunnen hinab, weit hinter unserem Haus. Das Seil hängt dort seit einer Ewigkeit, hinunter zu kommen stellt kein Problem dar. Unten ist es klamm und kalt, es stinkt verfault. Ganz anders als oben. Ich bin trotzdem glücklich, ein so gutes Versteck gefunden zu haben, gehe in die Hocke, stütze meine Arme auf den Beinen ab, den Kopf auf die Hände und warte.

Zehn Minuten. Einmal nicht der Loser sein und eines der Kinderspielchen gewinnen. Mit 14 bin ich zu alt für so etwas. Aber die Sommerferien sind lang, die meisten Freunde sind in Urlaub, nur wir bleiben daheim. Papa sagt, mit fünf Kindern und dem Hof ist kein Urlaub drin.

Ich stehe auf, gehe hin und her. Viel Platz habe ich nicht, wenn ich keine komplett nassen Schuhe bekommen will.

Jetzt könnten sie mich aber finden. Ich warte schon über eine dreiviertel Stunde. Ich habe Hunger. Und Durst. Soll ich abbrechen und aufgeben? Ich bin doch kein Mädchen, das gleich heult, wenn die Mama mal nicht zu sehen ist.

Fast 2 Stunden. In der ganzen Zeit, die ich hier unten bin, höre ich keine Stimmen. Suchen die mich überhaupt? Wenn ich nach oben schaue, sehe ich ein hellblaues Loch. Sommerhimmel.

Ich will da hoch.

Verstecken zu spielen, ist blöd. In meiner Jeans finde ich die Kippen, die ich aus Papas Jacke geklaut habe. Ich zünde mir eine an, verschlucke mich am Rauch, huste wie verrückt und im Kopf dreht sich alles. Ich werfe die halb gerauchte Kippe auf die nassen Steine.

Eine letzte Chance gebe ich denen noch. Ich rufe nach oben zum jetzt dunkelblauen Loch: „HAAAALLO!“ Niemand antwortet, auch nach fünf Minuten nicht. Wahrscheinlich sitzen die unter der alten Eiche in unserem Garten, schlürfen Mamas selbst gemachten Eistee und lachen sich kaputt. Über mich, den Loser, der noch immer in seinem Versteck hockt und darauf wartet, gefunden zu werden. Und schauen in den Abendhimmel, von dem ich nur mehr ein dunkles Loch sehe.

Ich habe Hunger. Und Durst. Scheiß‘ auf das Spiel, ob ich gewinne oder verliere. Ich erkläre das Spiel für beendet.

Ich gebe auf.“

Die drei Worte verhallen im Nirgendwo. So gerne hätte ich gewonnen. Nur einmal.

Ich packe das Seil mit beiden Händen, oben ist das himmelblaue Loch verschwunden. Alle Versuche scheitern, die Haut an meinen Händen reißt auf, es brennt und ich muss eine Pause machen. Schweiß, Schmutz und Blut vermischen sich. Ich heule, mein Körper schlottert wie bei einem Fieberanfall. Gleich streicht mir Mama die nassen Haare aus der Stirn, stellt mir einen Tee auf den Tisch und deckt mich wieder ordentlich zu.

Ich schüttele die Gedanken ab, fummele das Handy aus der Hosentasche, ich kann doch anrufen. Dass ich nicht gleich darauf gekommen bin. Schon sehe ich Papa, wie er die lange Leiter herunter lässt, auf der wir sonst die Äpfel von den Bäumen pflücken. Soll er doch schimpfen und sein Verbot zum hundertsten Mal wiederholen, dass wir nicht in den alten Brunnen steigen sollen. Das ist viel zu gefährlich. Mindestens hundertmal hat er gesagt, dass er den abdecken muss. Wir nicken immer, dann lachen wir uns schlapp, wenn er weg ist, malen uns aus, was da unten alles passieren kann. Jetzt kann ich nicht darüber lachen.

Ich verschmiere das Display meines Handys, erkenne kaum etwas. Ich drücke überall drauf, irgendwas muss sich doch tun. Ich bin zu weit unter der Erde. Kein Empfang.

Das Loch über mir bleibt schwarz.

 

Abgrundtief ist das dritte Wort aus dem *.txt-Projekt von HIER.

Read Full Post »

Himmel oder Hölle

 

Engel oder Teufel

 

Liebe, Eintracht und Harmonie oder

Hass, Rache und Vergeltung

 

Schöner Palast mit Garten und Pool oder

Holzhütte, aber Herr deiner selbst

 

Gut bewacht oder

nicht beschützt, aber frei

 

Essen im 4 Sterne Restaurant oder

Bohnen aus der Dose, trockenes Brot

 

Schlafen in der King-Size-Suite oder

auf dem Fußboden im Stroh

 

Champagner schlürfen oder

Wasser aus dem Bach, direkt aus der Hand

 

Ach verdammt, ich hab‘ ihn betrogen und er hat es gesteckt bekommen. Was mir gleich blüht, wenn er durch die Tür kommt, wage ich mir in meinen kühnsten Albträumen nicht auszumalen, will ich auch gar nicht. Der Abgrund war noch nie so nah.

 

Gratwanderung ist das erste Wort, das es in seinem Projekt HIER gab. Ich bin spät eingestiegen, habe mir alle Wörter notiert und lasse die Grauen mal machen. Die Textminiatur, die sie HIER ins Leben rief, gefällt mir gut, deshalb ist eine weitere entstanden.

 

Nicht vergessen, viel trinken. Ich bevorzuge Tee in allen Variationen, kalt oder heiß, aus dem Glas oder der Tasse.

Abwarten und Tee trinken

Read Full Post »

Bei ihr HIER gesehen, bei ihm HIER gestartet, hatte ich bei dem Wort NACKT direkt ein paar Assoziationen im Kopf.

Entblößt

Hose, Hemd, Jackett, Schuhe

Das Jackett lässig über die Stuhllehne geworfen

Hose, Hemd, Schuhe

Die Schuhe abgestreift und einfach neben den Füßen abgestellt

Die Schnürsenkel sind weg

Der Gürtel ist mir gleich abgenommen worden

Hose, Hemd

Ich sehe kreischende Weiber, während ich die Knöpfe meines Hemdes öffne, meinen enthaarten, muskulösen Brustkorb entblöße. Dabei gucken mich Augenpaare an, die ausschließlich zu Männern gehören

Egal, wie lange ich es hinaus zögere, das Hemd landet auf dem Jackett über der Stuhllehne

Hose

Strenge Blicke, die jeden Millimeter verfolgen, als ich den Reißverschluss nach unten ziehe

Unterhose

Gleich nehmen die mir nicht die Unterhose ab, sondern die Haare und gucken direkt in mein Hirn

Hartmann, umdrehen, nach vorne beugen, Hände an die Knie!“

Read Full Post »

Bei ihr HIER gesehen, kurzfristig gedacht, das kann ich nicht, aber den Grauen im Oberstübchen einen Auftrag hoch geschickt, die machen lassen und gewartet.

In einer Tabelle Sokolov und Heimlein gegenüber gestellt, das ordnet die Gedanken, man kann schön unter jedem Namen seine Einfälle und die Begebenheiten notieren. Die ersten Notizen sind von Hand geschrieben. Eigentlich sind es keine Notizen, sondern es ist schon die Geschichte.

Heimlein ermittelt 1 Heimlein ermittelt 2

Okay, bei ihr heißt der Geiger und Bösewicht Sokolew, bei mir Sokolov, der Name hat sich direkt ergeben. Manchmal finden Namen zu uns, auch wenn diese schon vorgegeben sind. Ich lasse das jetzt so, bin aber über die 6 Normseiten weit hinaus. Somit: Text ruhen lassen, überarbeiten und kürzen und dann schauen, ob es lese-tauglich ist.

Fortsetzung folgt. Mein Arbeitstitel (vorerst): „Kommissar Zufall“.

Ich finde dieses Ad-hoc-Schreiben total cool. Meist denke ich, dass das nichts für mich ist, aber wenn ich die Grauen machen lasse, kommt immer etwas dabei herum. Ob es tauglich ist oder nicht, spielt vorerst keine Rolle, mir gefällt schon, dass zu einem bestimmten Thema überhaupt eine Geschichte produziert wird.

Read Full Post »

Bild Polizist

Mein Spiegelbild am Morgen zeigte mir eine Fratze, die ich nicht als mein Gesicht erkannte. Ich sah dunkle Tränensäcke und Augen, die rot unterlaufen waren, die auf eine lange Nacht schließen ließen. Eine lange Nacht hatte ich gehabt, allerdings beschäftigte mich nicht meine Arbeit. In meiner Stammkneipe feierte ein Kumpel seinen Geburtstag, es gab Getränke ohne Ende und ich schlug zu ohne Ende. In der Früh torkelte ich in meine Wohnung, fast hätte ich den Schlüssel im Türschloss abgebrochen, weil ich dringend hinein und auf das Klo musste. Nicht auszudenken, was Frau Hampel über mir sagen würde, sollte sie einen Pissfleck vor meiner Tür entdecken und den Gestank dazu wahrnehmen. Es ging gerade noch einmal gut. Nicht, dass ich es bis aufs Klo geschafft hätte, aber immerhin kam ich in die Wohnung.

Vollkommen verkatert fiel ich nach wenigen Stunden Schlaf aus dem Bett. Mein Wecker klingelte, aber ich hatte den wohl nicht abgeschaltet, heute war Sonntag. Auf dem Weg zur Küche, in der ich mir einen Kaffee aufbrühen wollte, sah ich im Flur vor dem Klo meine Klamotten liegen. Es stank ungeheuerlich und es sah auch nicht besonders gut aus. Ich schleppte mich ins Schlafzimmer zurück, um im Kleiderschrank zwei leere Fächer vorzufinden, in denen sonst meine Unterhosen und T-Shirts lagen. Mir fiel die Waschmaschine ein, die ich vor drei oder vier Tagen angestellt und dann vergessen hatte.

Zuerst brauchte ich einen Kaffee, um meine Lebensgeister zu erwecken. Fluchend stakste ich in die Küche zurück, darauf aufpassend, den Kleiderberg im Flur nicht mit meinen bloßen Füßen zu berühren. Das Wasser in die Maschine zu füllen, schaffte ich gerade so eben, der alte Filter, der noch in der Maschine gewesen war, verfehlte die Mülltonne nur knapp, aber ich hatte kein Kaffeepulver mehr. Auf der Kühlschranktür haftete eine übergroße Notiz: „Kaffee kaufen“. Fuck, vergessen. Tee war keine Alternative, zumal ich keinen Tee mochte, somit keinen zu Hause hatte. Tee war etwas für Weicheier, echte Männer tranken Kaffee oder Stärkeres. Ich öffnete den Kühlschrank, musste unwillkürlich an Miri denken, meine Ex, die mich vor gut zwei Jahren verließ. Sofort würde sie mit einem Scheuerlappen und Essigputzmittel den Kühlschrank schrubben, vorher alle Lebensmittel und Getränke entsorgen, wobei man bei manchen Produkten nicht mehr erkannte, dass es einmal Lebensmittel gewesen waren. Miri war nicht da, Kaffee gab es keinen und Klamotten hatte ich auch keine. Fieberhaft überlegte ich, wie ich Herr der Situation werden könnte. Nebenbei trank ich einen kleinen Schluck Wodka, mangels sauberem Glas, direkt aus der Flasche.

Die Tankstelle war eine Option, die hatte am Sonntag garantiert geöffnet, mittlerweile gab es dort alles zu kaufen, was das Herz begehrte. Ich könnte gleich einen Kaffee to go trinken, derweil ich in den Regalen meine sieben Sachen zusammen suchte.

Die Wodkaflasche ließ ich auf der Anrichte stehen, begab mich ins Wohnzimmer, um meine Brieftasche zu suchen. Ohne Geld taugte die beste Tankstelle nichts. Auf dem kleinen verstaubten Glastisch lag sie nicht, in den Ritzen des Sofas war sie auch nicht, dafür jede Menge Krümel und anderer Mist. Ich ging ins Schlafzimmer, wo ich zuerst das Fenster aufreißen musste, es stank gewaltig nach Suff und Rauch. Rauchen war in Kneipen verboten, aber der Wirt scherte sich nicht darum, vielleicht machte er anlässlich des Geburtstags meines Kumpels eine Ausnahme. Ich bin ein guter Polizist, aber gestern war ich privat unterwegs gewesen, ich ließ nicht gerne den Bullen heraus hängen. Man sollte seine Position nicht ausnutzen.

Auf und im Nachtschrank lag die Brieftasche nicht. Hatte ich die irgendwo liegen gelassen? Dunkel meinte ich mich zu erinnern, dass ich die Brieftasche gar nicht mitgenommen hatte, ich war eingeladen, somit brauchte ich kein Geld. Unterm Bett war sie auch nicht. Der Kleiderberg im Flur kam mir in den Sinn. Ob meine Brieftasche in der Jeans, die klamm auf dem Fußboden lag, war? Lieber Gott, lass‘ das nicht wahr sein. Mit dem Schirm, der an der Garderobe hing, stocherte ich in dem Kleiderberg herum, es stank wirklich unausstehlich. Miri würde nie mehr mit mir sprechen, Frau Hampel würde mich nie mehr grüßen, wenn sie das sehen würden. Der Kleiderberg war weich, daraus schloss ich, dass keine Brieftasche darin versteckt war. Genauer prüfen wollte ich das nicht, ich war ein guter Polizist und konnte mich auf meine Instinkte verlassen. Schon immer.

Ich ging in die Küche. Bei einem Schluck Wodka analysierte ich meine Lage, die redlich bescheiden war, um nicht zu sagen, beschissen. Bei einem weiteren Schluck ging ich in Gedanken meine Kontakte im Handy durch. Wen konnte ich anrufen, der mir Kaffee, saubere Kleidung, etwas zu Essen und Bargeld brachte? Wie viele Schlucke musste ich noch trinken, damit mir ein Name einfiel?

Der Kumpel von gestern schied aus, der war noch voller als ich gewesen, wenn das überhaupt möglich war. Vor morgen würde ich den nicht aus dem Bett klingeln können. Meine Kollegen von der Wache legte ich ebenfalls ad acta, am Sonntag rief man nur an, wenn es wirklich dringend war. Nach meiner Einschätzung war es das nicht. Miri? Ich glaubte, wenn ihr neuer Mann das Telefonat entgegennahm, dass ich dann schlechte Karten hätte. Der hatte mich noch nie leiden können, ich ihn auch nicht, der würde bestimmt auch an ihr Handy gehen, wenn ich es dort versuchte.

Ich trank einen weiteren Schluck aus der Flasche, in meinem Kopf dämmerte es wohlig. Wenn ich genau darüber nachdachte, musste ich gar nicht vor die Tür. Warum auch? Heute war Sonntag, ich hatte zwar keinen Kaffee im Haus, keine sauberen Klamotten, nichts zum Essen, meine Brieftasche war verschwunden, aber ich könnte den Rest des Tages im Bett vor dem Fernseher verbringen und mich morgen um alles Wichtige kümmern. Als guter Polizist wusste ich Prioritäten zu setzen.

Im Fernseher gab es nur Schrott und ich schlief direkt ein, bis mich mein Telefon, das im Flur auf der Anrichte stand, wieder in die Realität zurück holte. Wie oft es klingelte, wusste ich nicht, der Anrufbeantworter meldete sich irgendwann und zeichnete die Nachrichten auf.

Richtig wach wurde ich erst, als ich hörte: „Hallo? Dirk, bist du zu Hause? Hier spricht Thomas. Es ist Montag, 15:20 Uhr, du hättest vor exakt 7 Stunden und 20 Minuten zum Dienst erscheinen müssen. Ich weiß nicht, ob ich den Leiter noch lange hinhalten kann. Melde dich bitte, sobald es geht.“

[AlphaSmart3000: 1.043 Wörter; 6.431 Zeichen; inkl. Titel. 5-Minuten-Prosa. Stichwort: Polizist]

 

Read Full Post »

Older Posts »